Der Buddha hat aus den Erfahrungen seines eigenen Erlösungsweges die Lehre von den vier Heilswahrheiten entwickelt und hat in der vierten Heilswahrheit einen genauen Übungsweg beschrieben, der aus acht Gliedern besteht. Es handelt sich um Denk– und Handlungsanweisungen.

 

Der „edle achtfache Pfad“ (Pali: Ariyo attahngiko maggo) ist der zur Erlösung von allem Leiden führende Pfad.

Das erste Glied, rechte Anschauung, betrifft die Aneignung der richtigen Daseinsschau, also die rechte Orientierung über das Gesetz der Existenz, in der wir stehen. Sie besagt u.a. kurz gefasst, dass das gesamte Erleben des Menschen, das Erlebnis seines Ich in der Welt — ganz wie im Traum — entworfen ist von seinem eigenen Herzen, der Verfassung seines Charakters zwischen wohlwollen und übelwollen, zwischen begehrlich und bescheiden, zwischen rücksichtsvoll und rücksichtslos. Daraus ergibt sich, dass alle Begegnungen seines Lebens ihn immer auf sich selbst zurückweisen. So wie wir nach dem Erwachen aus einem Traum erkennen (teils mit Verwunderung) dass von all dem Erlebten nichts „wirklich“ da war — denn wir befanden uns während der Zeit allein auf unserem Lager — so erkennen die aus dem Lebenstraum Erwachten, dass sie bisher nur immer in ihren eigenen Phantasien gesponnen haben, weshalb der Erwachte unsere Wahrnehmung als avijja = Wahn bezeichnet. Die Triebe, die Beschaffenheit unseres Charakters, sind die Quelle, aus welcher das Außen, die Welt, wieder an uns herantritt als Wahrnehmung.

Das zweite Glied, die rechte Gesinnung, ergibt sich aus der vollen Konsequenz  einer so beschaffenen Struktur der Existenz, unseres Lebens, führt uns vor Augen, dass wir eine ersehnte freundlichere Erlebensweise und Erfahrungsweise nur dadurch aufbauen können, dass wir die dazu erforderliche Gesinnung und Gemütsverfassung erwerben, die Eigenschaften unseres Herzens zu wohlwollender, hochsinniger, heller Verfassung umbilden. Und uns eine Verhaltensweise und Lebensführung im Reden und Handeln angewöhnen, aus welcher dann die von uns gewünschte und ersehnte hellere, wohltuende Wahrnehmung hervorgeht.

Das dritte Glied, die rechte Rede, führt dazu, dass wir Sprache heilsam benutzen und einsetzen. Die Regel, nicht zu lügen, gehört hier an die Spitze. Ferner verwirft man das „Hintertragen“, legt Wert auf versöhnende Worte. Als Drittes gebraucht man freundliche Sprache. „Verletzende Worte hat er verworfen, von verletzenden Worten hält er sich fern.“ Das Schelten oder Verletzen ist eine Art Totschlagen mit Worten. Als Viertes folgt: Sinnvolles Reden statt Geschwätz.

Das vierte Glied, rechtes Handeln fordert, dass wir nun auch im Verhalten die rechte Richtung einschlagen, bis wir gar nicht mehr anders können. Das Wesen der Tugend besteht in der Beschränkung der hemmungslosen und rücksichtslosen Verfolgung der „eigenen Interessen“  bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Es ist die Auferlegung einer starken Selbstzucht zugunsten des Nächsten und der eigenen moralischen Entwicklung. Hier sind die fünf Tugendregeln (Pali: sila) maßgeblich, in der Kurzform: Keine Lebewesen töten, Nichtgegebenes nicht zu nehmen, falschen Wandel in der Begegnung der Geschlechter zu vermeiden, nicht lügen, keine berauschenden Getränke oder andere, die Vernunft und Selbstkontrolle verhindernde Mittel zu nehmen.

Das fünfte Glied, die rechte Lebensführung zeigt sich u.a. in der Ausübung eines Berufes, der andere Wesen nicht schädigt. Als Beispiele unrechter Tätigkeiten nennt der Buddha „Handel mit Waffen, Handel mit Lebewesen, Handel mit Fleisch, Handel mit berauschenden Mitteln, Handel mit Gift. Es zeigt sich aber auch in der Art der Beschäftigung während der Freizeit und in der Wahl des gesellschaftlichen Umgangs.

Das sechste Glied betrifft rechtes Mühen. Die „vier großen Kämpfe“ bilden das „Rüstzeug“ der Vertiefung: Erstens die Sinneszügelung, zweitens die Bekämpfung aufgestiegener übler Einflüsse in der Gemütsverfassung. Drittens die Erzeugung, Verstärkung und Gewöhnung in der reineren Gesinnung. Viertens bei dann eingetretener heller Verfassung und innerer Ruhe durch Zurücktreten der Gedanken von weltlichen Einzelheiten diese Helligkeit des Gemütes und der Ruhe empfinden und pflegen. Die sechste Stufe des Achtpfades, die vier großen Kämpfe, bilden die unmittelbare Voraussetzung für die Satipatthana-Übungen (siehe > Meditation).

Das siebte Glied, rechte Achtsamkeit, rechtes Eingedenksein findet seine Krönung in den vier Satipatthana-Übungen. Diese vier Übungen sind fruchtbar nur demjenigen möglich, der von der gesamten weltlichen Vielfalt innerlich und äußerlich abgeschieden, abgelöst ist, ja, dessen Herz sich schon so stark zu weltüberlegener Reizfreiheit hin entwickelt hat, dass ihm die weltlichen Erscheinungen keinen besonderen Eindruck mehr machen, nicht nur, weil er ihr wandelbares, haltloses und hilfloses Wesen völlig durchschaut, sondern weil er durch die Gewöhnung an diese Durchschauung aus seine Herzensbedürfnisse weitgehend von ihnen abgelöst hat. Diese sati-Haltung ist nur bei einem fortgeschrittenen Grad von Weltablösung und Weltüberwindung auf der Grundlage der gründlichen Durchschauung der fünf Zusammenhäufungen als Leidenselemente in der erforderlichen Reife gegeben.

Als achtes und letztes Glied des Heilsweges steht die rechte Einigung. Herzenseinigung — Samadhi bedeutet im Achtpfad nicht nur ein momentanes einiges Erleben, er bedeutet den Eintritt in eine völlig andere Daseinsweise, eine gewachsene Einigkeit des Herzens, gleich was von außen kommt. Diesen gewachsenen samadhi kann man für die Gewinnung der vier weltlosen Entrückungen (jhana) und die auf sie folgenden erhabenen, formfreien Zustände verwenden.

Zwar ist das Erlebnis der weltlosen Entrückung noch keine vollkommene Erwachung, aber es ist eine unvergleichlich größere und hellere Wachheit als das Erlebnis einer Sinnenwelt. Der Erwachte nennt es Befreiungsseligkeit, Befriedungsseligkeit, Erwachungsseligkeit. So ist der von dem Wohl der Entrückungen durchdrungene und gesättigte Heilsgänger ein völlig anderer Mensch als derjenige, der die Entrückungen noch nicht erlebt.

Wir sehen also eine klare Gliederung in

1. Die Lehre hören und rechte Anschauung sowie rechte Gesinnung erwerben.

2. Die Tugendregeln erwerben und voll erfüllen (3.— 5.).

3. Achtsamkeit und Entrückung (6.— 8.).

Die Früchte dieses achtfältigen Heilsweges sind: Klarwissen und Erlösung. Der Übende wird bis unmittelbar an die Schwelle geführt. Alles, was die klare Sicht hinderte, ist weggefallen. Der Buddha vergleicht es mit der Erfahrung, die ein Blindgeborener macht, wenn er plötzlich zu sehen beginnt und mit dem Erleben, das ein Küken erwartet, wenn es die Eierschale durchbricht.

Es kommt zu Weisheitsdurchbrüchen, zu den drei Wahrwissen (vijja):

Die Erinnerung an unzählige eigene frühere Lebensformen, so wie ein gewöhnlicher Mensch sich seiner vergangenen Gänge, Besuche und Arbeiten in diesem Leben erinnert.

Er sieht ferner die hier sterbenden, abscheidenden anderen Wesen den Körper verlassen und in heller oder dunkler Gestalt ihre weiteren Wege gehen, je nach ihrem Wirken.

Und schließlich das Erwachen aus dem Wahntraum, der dritte Weisheitsdurchbruch, durch welchen der Mönch endgültig erlöst wird, ein Geheilter, ein Genesener wird.

Zitat aus Majjhima Nikaya (Mittlere Sammlung) Nr. 51:

Dem so Erkennenden, so Sehenden wird das Herz erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichwissenswahn. "Im Erlösten ist die Erlösung", diese Erkenntnis geht auf. "Beendet ist die Kette der Geburten, vollendet der Reinheitswandel, getan ist, was zu tun war. Nicht mehr ist diese Welt", versteht er da.

Wer diesen Weg gegangen ist, der weiß in dem unvergleichlichen Aufatmen des Befreiten: „Erreicht ist, was zu erreichen ist, das vollkommene Wohl ist aufgegangen."