Der Buddha hat vier erhabene Strahlungen des Geistes dargelegt.

Sie sind in Pali, der Sprache der buddhistischen Schriften, unter dem Namen Brahma-Vihara bekannt. Dies kann mit  "vorzüglich", "hohe" oder "erhabene" Geisteszustände oder auch mit "brahma-würdige", "heilige" oder "göttliche" Weilungen übertragen werden. „Vihara“ ist ein „guter Ort zum Verweilen“, sowohl in der geistigen als auch in der materiellen Welt. Daher ist der Name für ein buddhistisches „Kloster“ auch Vihara.

Diese Geisteszustände werden deshalb vorzüglich oder erhaben und damit erstrebenswert genannt, weil sie das rechte Verhalten gegenüber den Lebewesen aufzeigen. In der Tat geben die vier Geisteshaltungen eine Wegweisung für alle Fragen sozialer Wechselbeziehungen. Sie sind die großen Befreier von Spannungen, die Friedensstifter bei Konflikten, die großen Heiler der Wunden des Existenzkampfes; sie wirken ausgleichend über alle sozialen Schranken hinweg, sind Schöpfer harmonischer Gemeinschaften, Erwecker unerschütterlicher Großherzigkeit, Wiederbeleber lange verlorener Freude und Hoffnung, Förderer der menschlichen Brüderlichkeit gegen die Kräfte des Egoismus.

Wer stets diese vier erhabenen Geisteszustände in sich pflegt, im praktischen Verhalten wie in der Meditation, wird ein Brahma-Gleicher; in wessen Geist sie zum dominierenden Einfluss werden, der wird in den entsprechenden Welten, den Brahma-Reichen, wiedergeboren.

Die methodische Meditation ist einerseits behilflich und auch wiederholtes Nachdenken über die erhabenen Weilungen und ihre segensreichen Auswirkungen sowie die Gefahren, die mit den entgegen gesetzten Inhalten verbunden sind, wird bei der Entfaltung der Brahma-Viharas helfen.

"Womit sich jemand lange Zeit beschäftigt und nachdenkt - dahin neigt sich sein Herz."

 

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Metta (Freundlichkeit, Liebe)

Durch metta gibt man verletzendes Verhalten, Verbitterung, Voreingenommenheit und Nächstenblindheit jeglicher Art auf, um eine Geisteshaltung der Freundlichkeit, Brüderlichkeit, Einigkeit und des Wohlwollens zu entwickeln.

Über den Anfang dieser Übungen lesen wir in den Lehrreden (Mittleren Sammlung Nr. 21), dass der Erwachte einem Mönch, der bei gegebenen Anlässen noch ärgerlich, verdrossen und abweisend wird, den Rat gibt, darauf zu achten, dass er durch das Anhören unwillkommener Reden nicht gleich in seinem Herzen derart ablehnend und aufbegehrend werde, sondern sich übe:

"Nicht soll mein Herz verändert werden, keine böse Rede meinem Munde entfahren, von Wohlwollen und Mitempfinden will ich verweilen, mit einem Herzen voll Liebe ohne Abneigung. Diese Person will ich mit liebevollem Gemüte durchstrahlen; von ihr ausgehend, werde ich mit liebevollem Gemüte die ganze Welt durchstrahlen."

Hier wird also die Einübung von bestimmten Haltungen empfohlen: Als erstes, dass man in seinem Innern trotz unliebsamer Begegnungen "nicht verändert" werde. Es ist das so, wie wenn man bei Sturm sich gegen den Wind stemmt, um sich nicht umblasen zu lassen. Man muss sich üben, nicht gleich den jeweiligen Eindrücken nachzugeben und zu erliegen, sondern Kraft anzuwenden zum Durchhalten einer guten, heilsamen und unverstörten Herzensverfassung.

Zu dieser Anstrengung, zu der man Tatkraft braucht, kommt nur, wer sich gemäß den vom Erwachten vermittelten Einsichten vor Augen führt, dass man mit dem hemmungslosen Begehren der äußeren Dinge endlos in Verletzbarkeit zwischen Geburt, Altern und Sterben bleibt, dass man aber von dieser Krankheit des Begehrens genesen kann und dass die Übung im Berücksichtigen der Bedürfnisse der anderen begegnenden Wesen eines der besten Mittel ist, diese Bedürftigkeit zu mindern bis zur Auflösung. Eine gewisse Untreffbarkeit, Unverletzbarkeit ist also die eine Voraussetzung für die Entwicklung von metta.

Die andere Voraussetzung ist Wohlwollen und Mitempfinden mit den Wesen. Normalerweise "liebt" der Mensch den anderen nur in dem Maße, wie dieser seine Anliegen nach Anerkennung oder anderen seelischen oder geistigen Anliegen befriedigt. Er beutet ihn also für seine Interessen aus. Aber hier wird nun empfohlen, dass man Wohlwollen und Mitempfinden hegen soll, d.h. dass man die Wesen nicht mit seinen eigenen Interessen misst, sondern merkt, dass sie selbst Interessen haben. So muss man erst den anderen entdecken, merken, auf ihn schauen, seine Wünsche sehen, nachempfinden, dass die gleiche Triebfeder wie bei einem selber dahintersteht.

Eine gute Hilfe ist das Hinaufwürdigen. Man sieht am Mitwesen die guten Seiten, sieht für den anderen die Möglichkeiten einer guten Entwicklung voraus, sieht im Geiste, wie er sich seelisch unter den und den Umständen gut entwickeln könnte, wünscht und gönnt es ihm von Herzen.

Es gibt vielfältige Arten von Metta-Meditation, die wir täglich üben können, hier folgt ein Beispiel:

Setzen Sie sich in bequemer Haltung an einem ruhigen Ort nieder; dies kann ein stilles Zimmer, ein Meditationsraum, ein Park oder jeder andere Ort der Abgeschiedenheit und Stille sein. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem, schließen Sie die Augen. Bedenken Sie sich selbst mit Wohlwollen, umhüllen Sie sich mit einer weichen Wolke aus Liebe. Stellen Sie sich Ihr eigenes lächelndes Gesicht vor. Wann immer Sie Ihr Gesicht im Spiegel sehen, lächeln Sie und versetzen Sie sich während der Meditation in diese Stimmung. Ein glücklicher Mensch wird nicht ärgerlich und hegt auch keine negativen Gedanken und Gefühle.

Während Sie sich selbst in dieser Geisteshaltung visualisieren, entwickeln Sie den Gedanken: "Möge ich frei von Abneigung sein, frei von Leid, frei von Kummer, frei von Krankheiten des Körpers und des Geistes, möge ich glücklich leben."

Als nächstes visualisieren Sie Ihren spirituellen Lehrer oder Meditationslehrer oder eine von Ihnen hochgeachtete Persönlichkeit. Stellen Sie sich diese Person lächelnd und glücklich vor und entwickeln Sie den Wunsch: "Möge er/sie wohl und glücklich sein, möge er/sie glücklich leben."

Dann stellen Sie sich andere verehrungswürdige Personen vor, lassen Sie Ihre Gedanken zu Vater und Mutter gehen. Widmen Sie ihnen Gedanken der allumfassenden Liebe: "Mögen sie frei von Abneigungen sein, frei von Leid, frei von Kummer, mögen sie glücklich leben.

Bedenken Sie so auch die Menschen, die Ihnen nahe stehen, Ihre eigene Familie, Menschen, mit denen Sie zusammenleben. Erwarten Sie nicht, dass diese Liebe zurückgegeben wird. Geben Sie nur, ohne etwas zu erwarten.

Jetzt denken Sie an alle guten Freunde, füllen Sie diese mit Frieden und umhüllen Sie sie mit einer Wolke aus Liebe.

Als nächstes visualisieren Sie neutrale Personen, das heißt solche, für die Sie weder Zu- noch Abneigung empfinden, wie etwa Nachbarn, Arbeitskollegen, einfache Bekannte.

Auch die Wesen, die wir nicht mit unseren menschlichen Augen wahrnehmen können, aber möglicherweise in unserer Nähe sind, bedenken wir mit liebevollen Gedanken.

Nachdem Sie liebende Güte auf alle neutralen Personen verteilt haben, sollten Sie Menschen bedenken, die Sie nicht mögen, denen gegenüber Sie Zorn oder Vorurteile hegen, und auch solche, mit denen es irgendwann einmal zu einem vorübergehenden Missverständnis gekommen ist. Auch diese Menschen suchen ihr Glück, wie jeder andere auch.

Jetzt denken Sie an alle Lebewesen, die diesen Erdball bevölkern, auf dem Land, im Wasser, in der Luft. So klein wie Ameisen, so groß wie Elefanten und alle Lebewesen dazwischen. Verschiedene Farben, Rassen, Formen, Sprachen, Glauben und Gebräuche. Denken Sie dabei: "Möge jeder auf diesem Erdball sich großen Wohlbefindens und Friedens erfreuen! Möge es keine Kriege, keine Konflikte, kein Unglück und keine Krankheiten geben. Fühlen Sie sich einmal als Mitglied dieser Riesenfamilie. Haben Sie Gefühle der Zusammengehörigkeit mit all dem, was lebt auf diesem Erdball. Dann lassen Sie kraftvolle Strahlen von metta in die unendliche Weite des Weltraums ausstrahlen, um alle Wesen, welche in anderen Bereichen leben, zu erfassen. Wir lassen unsere grenzenlose Liebe in alle Himmelsrichtungen und alle Bereich darüber und darunter ausstrahlen.

Zum Schluss lenken Sie die Aufmerksamkeit wieder auf sich selber. Die Zufriedenheit, die von der rechten Anstrengung kommt, lassen Sie hochkommen, und lassen Sie alles zum Frieden werden. Zufrieden.

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Karuna (Mitgefühl, Mitleid)

Wer das Mitgefühl (karuna) zu entfalten wünscht, sollte vorerst den Unsegen der Mitleidlosigkeit und den Segen des Mitleids oder Erbarmens bei sich erwägen.

Schopenhauer schreibt hierzu: "Der Blick schaut auf den anderen nicht mehr egoistisch und unverständig von außen, sondern einfühlend von innen. Im Mitleiden - weit davon entfernt, ein herablassendes Bemitleiden zu sein - werden die Anliegen und Nöte des anderen als meine eigenen erkannt."

Aus Mitgefühl mit den Göttern, Menschen und allen anderen Wesen hat der Buddha in den 45 Jahren seines erwachten Lebens Tag für Tag gelehrt, auch wenn er krank war. Es heißt, er habe jeden Morgen das "Netz" seines Mitgefühls ausgeworfen, um einen Menschen zu "fangen", dem er an diesem Tag helfen könne. Gemeint ist seine Hellsicht, mit der er sehen konnte, wer seine Hilfe nicht nur brauchte, sondern aus ihr auch Nutzen ziehen würde. Oft war er dazu stundenlang unterwegs, und immer ging er zu Fuß, denn er wollte sein Gewicht nicht den Zugtieren aufbürden.

Die Welt leidet, doch die meisten Menschen verschließen ihre Augen, verschließen ihr Ohr. Sie wollen nicht den Tränenstrom sehen, der durch die Welt fließt, sie wollen nicht den Leidensschrei hören, der beständig durch die Welt ertönt. Ihre eigene kleine Sorge oder Freude versperrt ihnen den Blick und macht taub ihr Ohr. Im Gefängnis ihres kleinen Ich ist ihr Herz erstarrt und eng geworden. Ein also starres und enges Herz, wie wäre es fähig, nach Hohem zu streben und zu verstehen, daß nur die Lösung aus selbstischer Enge die Befreiung vom eigenen Leid ermöglicht. Da ist Mitleid der große Riegelheber. Mitleid vermag das Tor in die Freiheit zu öffnen, das kleine Herz zum Umfangen der Welt zu weiten, die lastende, lähmende, dumpfe Schwere von ihm zu nehmen, dem Erd- und Ich-Gebundenen Flügel zu verleihen. Mitleid versöhnt mit dem eigenen Geschick, indem es uns das noch schwerere anderer Wesen zeigt.

Im Nichtwissen befangen sind die Wesen. Im Wahne befangen häufen sie Leiderfahrung auf Leiderfahrung, ohne die Ursache zu kennen, ohne den Ausweg zu finden. Dies - nicht die Schmerzempfindung der Wesen - ist der tiefste Grund für unser Mitleid. So wird auch dem unser Mitleid gelten, den wir zwar augenblicklich im Glück, aber dabei Übles und Törichtes wirken sehen. Denn in seinem jetzigen Tun sehen wir sein künftiges Leid. Das Mitleid des Wissenden aber "leidet" nicht mehr "mit". Sein Geist, sein Wort, sein Tun sind voller Erbarmen. Doch sein Herz erzittert nicht dabei, es bleibt ruhig und fest. Wie könnte er sonst helfen?
Möchten wir solches Mitleid gewinnen! Mitleid, das wissende, verstehende, helfende Güte ist, Mitleid, das Kraft ist und Kraft gibt - das ist das höchste Mitleid.

"Wenn der Mensch dahingekommen ist, mit dem anderen zu fühlen, was voraussetzt, daß er gelernt hat, sich zunächst im Geist immer wieder an seine Stelle zu versetzen, dann will er dem anderen so wenig wehtun wie sich selbst, übt sich im Erbarmen, Schonen, Einfühlen, Anteilnahme, rücksichtsvoller Gesinnung
(karuna)
, wodurch die Neigung zu gewaltsamem Schädigen, zu Grobheit, Heftigkeit und Rohheit abnimmt und untergeht."

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Mudita (Freude, Mitfreude)

Die dritte göttliche Verweilungsstätte wird Freude (mudita) genannt. Ihre Übung führt zur völligen Überwindung von arati.

Arati ist ein Zustand von Unlust, Missmut aus Mangel an innerer Helligkeit mit gleichzeitigem Mangel an vorübergehender Abwechslung oder Befriedigung durch sinnliche Freude. Durch die vorangegangenen Übungen wird mudita vorbereitet, innere Dunkelheit und Kälte ist aufgehoben; allgemeines Gönnen - oder besser Glück Wünschen, Beglücken und Hinaufwürdigen - vermehrt immer mehr die innere Freude und geht aus dem freude-erfüllten Herzen von selbst hervor. Diese Menschen erleben immer mehr Schöneres, machen sich immer noch schönere Bilder durch ihre Art. Hell strahlen sie in die Welt, sehen gar kein Dunkel. Ihre Erfassungsgewohnheit ist: alles heraufwürdigen, erhellen.

Hohe, edle Freude ist ein Helfer auf dem Pfad der Leidbefreiung, denn nur der Geist des Freude-Erfüllten, nicht des Leid-Verstörten, vermag jene heitere Ruhe zu finden, die zur Sammlung führt. Je höher die Freude des anderen ist, um so größer und begründeter wird unsere Mitfreude sein.

"Und wie durchstrahlt der Mönch mit einem von Mitfreude erfüllten Geiste die eine Himmelsrichtung? Gleichwie man da beim Anblicke eines lieben, teuren Menschen Freude empfindet, genau so durchstrahlt er alle Wesen mit Mitfreude".

Hohe und edle Freude ist der Lehre des Buddha nicht fremd. Zu Unrecht gilt sie mitunter als Lehre der Trübsal. Führt sie doch vielmehr von Stufe zu Stufe zu immer reinerem und erhabenerem Glück.

Ein Grund zur Freude ist der gute Wandel des Nächsten, der ihm gute Frucht verbürgt in diesem und im künftigen Sein. Bestärken wir ihn darin! Ein höherer Grund zur Freude ist sein Vertrauen zur Buddha-Lehre, sein Verstehen der Lehre, sein Wandel in der Lehre. Helfen wir ihm darin, und machen uns selber fähig, ihm immer mehr zu helfen!

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Upekha (Gleichmut)

Nicht zu verwechseln mit "Gleichgültigkeit".

Wessen Haltung im Laufe der Zeit immer mehr an die drei ersten Brahma-viharas gewöhnt wird, dazu keiner besonderen Anstrengung mehr bedarf und darin mehr und mehr ausreift, bei dem wird diese Helligkeit allmählich zu einer gleichbleibenden stillen und durch keine Ereignisse mehr erschütterliche Gemütsruhe (upekha, welche Haltung der Erwachte als die vierte und höchste der vier Strahlungen beschreibt).

Es wird ein Gleichmut sein, der wache Kraft ist, nicht etwa stumpfe Gleichgültigkeit; der, in bewusster Pflege stark geworden, nicht abhängig ist vom Zufall einer Stimmung. Ein Gleichmut, der die Fähigkeit der Selbsterneuerung besitzt. Ein Gleichmut, der in Erkenntnis wurzelt, hat diese Kraft.

Welches ist nun diese Erkenntnis?

Es ist das Wissen darüber, woher all dieses Erleben kommt, das den Menschen beglückt und quält, ihn zittern und hoffen lässt; es ist ferner das Wissen davon, wen dieses Erleben trifft.

Alles, was uns widerfährt, stammt aus dem Mutterschoß unseres Wirkens in Taten, Worten und Gedanken. Wir sind gleichsam die Eigentümer unseres Wirkens. Nicht entlassen wir die Tat aus unserem "Besitz", wenn sie auf andere Menschen gerichtet ist. Sie bleibt unser "eigen", da sie zunächst einmal auf uns selber wirkt, uns zum Guten oder Schlechten verändert. Und auch in ihren Folgen kehrt sie zu uns zurück, fällt uns zu als das uns gebührende Erbe. Nichts, was uns widerfährt, kommt aus einem bedrohlich-unbekannten Fremden, aus einem feindlichen "Außen", es kommt aus unserem eigenen Wirken.

Ein solches Wissen ist die erste Quelle des Gleichmuts, denn es befreit uns von der Furcht, die so oft den Gleichmut stört. In allem, was uns widerfährt, begegnen wir nur uns selbst. Was also sollten wir fürchten? Und befällt uns doch einmal die Furcht vor dem Ungewissen, so kennen wir die sichere Zuflucht. Nämlich unser Wirken, unser gutes Wirken. Vertrauen erfüllt uns zur schützenden Kraft jenes Guten, das wir in der Vergangenheit taten. Und Mut erfüllt uns, eben in dieser Gegenwart Gutes zu wirken, selbst dann, wenn gerade die Last schweren Geschickes auf uns ruht. Denn wir wissen, daß es für gutes Wirken niemals zu spät, daß dazu immer die "rechte" Zeit ist, dass der Segen davon nicht nur in ferner Zukunft, sondern auch schon jetzt während des Tuns erfahren wird. Und durch solche Gewißheit entstehen in uns Freude und Vertrauen, Geduld und Gleichmut. Dann wird das Wirken zum Freund und mit ihm auch jene Wechselfälle des Lebens, die das Ergebnis unseres Wirkens sind.

Die zweite Erkenntnis, auf die sich der Gleichmut gründen muß, ist die Lehre des Buddha vom Nicht-Ich (anatta), welche diejenigen im konventionellen Sinne gebrauchten Worte berichtigt, die oben nur wegen einer vorläufig vereinfachten Darstellung willen benutzt wurden, wie "eigenes Wirken" und ähnliches. Die Lehre vom Nicht-Ich zeigt, dass das Wirken weder von einem Ich, einer Persönlichkeit, ausgeht noch in seinen Folgen ein Ich oder eine Persönlichkeit trifft. Sie zeigt, dass, wo kein Ich ist, auch kein "Mir eigen" sein kann. Es ist das Ich-Denken, das Leiden schafft, Gleichmut verhindert oder ihn zum Wanken bringt. Wird diese oder jene Eigenschaft getadelt, so denkt man: "Mich tadelt man", und der Gleichmut wird erschüttert. Schlägt ein Werk fehl, so denkt man: "Mein Werk ist misslungen", und der Gleichmut zerbricht. Schwindet Reichtum, so denkt man: "Mein Besitz ist dahin", und Gleichmut geht verloren.

Will man nun den Gleichmut sicher gründen, so hat man sich allmählich zu üben im Aufgeben des Mein-Gedankens, beginnend mit Dingen, von denen man sich ohne große Schwierigkeiten trennt, bis zu Besitztümern und Zielen, an denen man mit seinem ganzen Herzen hängt.

Heiliger Gleichmut - oder wie wir auch sagen mögen: der gleichmütige Heilige - ist die innere Mitte der Dinge. Wohl unterschieden sei sie von den vielen relativen Mittelpunkten stofflicher und geistiger Kraftfelder, welche, sich wandelnd, auch ihren Mittelpunkt verlegen. Die Innere Mitte des heiligen Gleichmutes ist unerschütterlich, denn sie ist unverstörbar von außen. Sie ist unverstörbar von außen, weil sie ohne Hangen ist.