Wenn wir den Namen "Buddha" hören, dann löst dieser Begriff bei uns diejenigen Vorstellungen aus, die wir irgendwann durch Lesen oder Hören im Zusammenhang mit diesem Begriff in uns aufgenommen haben. Diese Vorstellungen können richtig oder falsch sein.

 

Wenn wir uns dagegen dieses Wort ins Deutsche übersetzen, dann gewinnen wir eine Vorstellung, die der Wirklichkeit des Buddha ganz erheblich näher kommt: Buddha heißt ins Deutsche übersetzt "der Erwachte".

Wenn wir an einen Erwachten denken, dann drängen sich uns gleich zwei verschiedene Vorstellungen auf: Entweder er ist aus dem Schlaf oder gar vom Traum erwacht. In beiden Fällen befindet sich der Nicht-Erwachte jenseits der Wirklichkeit, jenseits der Realität. Er hat entweder keinerlei Vorstellung von dem wirklichen Leben - nämlich wenn er schläft ohne Traum - oder hat völlig falsche Vorstellungen vom Leben - nämlich wenn er träumt. In beiden Fällen steht er jedenfalls abseits der Wirklichkeit und ist den Zufälligkeiten ausgeliefert, wie eben ein Schlafender völlig wissenslos allen Zufälligkeiten ausgeliefert ist. Er hat keine Kontrolle über sich und über die Welt. Es kann sich ihm etwas nähern, und er merkt es nicht und weiß es nicht. Nur der Erwachte hat die Möglichkeit, die Situation, in welcher er sich befindet, zu begreifen und sich dann ihr gemäß zu verhalten.

So auch fasst der Erwachte sich und alle anderen Erwachten auf gegenüber den unbelehrten Menschen. Er sagt, dass der unbelehrte Mensch seine Situation gar nicht richtig erkenne aus zwei Gründen, die damit zusammenhängen, dass er nicht erwacht ist, nicht wach ist. Der erste Grund liegt darin, dass der gewöhnliche Mensch:

1. wie ein Schläfer die wahre Situation, in der er sich befindet - nämlich dass sein Leib in diesem oder jenem Raum, auf dieser oder jener Lagerstatt liegt - nicht weiß, und

2. dass er wie ein Träumer - welcher Traumfantasien erlebt und diese für die Dauer des Erlebens für wahr hält - von seinen Erlebnissen, die eben Träume und nicht die Wirklichkeit sind, bald entzückt, bald entsetzt wird, ohne doch zu wissen, dass diese Erscheinungen, die so genannten Erlebnisse, Träume sind und woher sie kommen und wie er eingreifen und sie verändern könne.

Es ist wichtig, dass wir diese beiden von den Erwachten immer wieder klar hervorgehobenen Beschränktheits - und Begrenztheitseigenschaften des unbelehrten Menschen richtig erkennen und verstehen:

a) das Wirkliche, die Wirklichkeit nicht merken, nicht ahnen, nicht sehen, nicht wissen und, was das Schlimmste und für den Schläfer Charakteristische ist: auch gar nicht vermissen;

b) dagegen Schemenhaftes, wandelbare Fantasiegebilde, die daher ziehen wie Nebelschwaden, für die Wirklichkeit halten, für das Leben, das Dasein halten.

Wenn wir dieses hören, gilt es zu bedenken, dass der Buddha und alle Männer und Frauen, welche im Laufe der Zeit durch seine Lehre zum Erwachen gekommen sind, zuvor ja  ebenso normale Menschen waren wie wir, erlitten Wohl und Freude und Not und Trübsal wie wir, kennen also unsere Lebensweise genau so, wie wir sie kennen. Dann aber sind sie durch ihren Entwicklungsprozess darüber hinausgewachsen und haben dadurch noch eine andere Lebensweise kennen gelernt, welche der normale Mensch nicht kennt. Es ist ja nicht so, dass ein Buddha oder ein anderer Heiliger ein unnormaler Mensch wäre insofern, als er unsere Art nicht hätte und nicht kennte, oder dass er ebenso zufällig, wie wir diese Art haben, ebenso zufällig eine ganz andere Art hätte, und darum uns nicht verstehen könnte und wir nicht ihn - sondern der Buddha hatte unsere Art und ist dann darüber hinaus gestiegen, ist zur Erwachung gelangt, zur Vollkommenheit, schlechthin in Bezug auf Wohl, in Bezug auf Wissen und Kenntnis, in Bezug auf Geistesmacht, in Bezug auf Todüberwindung.

Und von dieser erhabenen Warte aus sehen die Erwachten den Unterschied zwischen ihrem jetzt erreichten und ihrem früheren normal-menschlichen Zustand ebenso an wie den Zustand eines schlafenden und träumenden Menschen gegenüber dem eines Erwachten. Der Erwachte sieht sich und die Welt, wie sie sind. Der Schlafende und Träumende sieht gerade die wirklich seienden Dinge nicht und sieht nicht -seiende Dinge in seinen Traumvisionen und hält diese für das Leben.

Den hier genannten Mangel, das Nicht-Merken des wirklich Seienden, so wie es im Schlaf ist, bezeichnet der Erwachte als avijja, das in der Regel mit Unwissen oder Nichtwissen übersetzt wird, womit aber nicht gemeint ist, dass man diese oder jene weltliche oder überweltliche Angelegenheit noch nicht wisse, sondern ganz und gar das totale Unwissen des Schlafenden über seine wahre Situation, also seine Ahnungslosigkeit, dies, dass er nicht merken kann (vijja leitet sich ab von vedeti = merken, und "a"vijja ist das Gegenstück, ist das nicht-merken). Es bedeutet, in einer falschen Dimension, im Wahn leben und dass er die Dinge, die da geschehen, nicht merkt - eben wie ein Schläfer. Diese avijja wird auch oft mit Blindheit verglichen, indem es heißt, dass ein Blindgeborener gar keinen Begriff haben kann von Farben und Formen und von Sonne, Mond und Sternen und dass er darum von sich aus auch unfähig ist, an dergleichen zu glauben, es sei denn, dass Menschen in seiner Umgebung, die ihm vertrauenswürdig sind und denen er glaubt, dass sie sehen können, was er nicht kann, mit aller Sicherheit sagen, dass es Farben und Formen gibt und dass es Sonne, Mond und Sterne gibt.

Weil der Schlafende das Wirkliche nicht merkt, darum kann er auf Unwirklichkeiten hereinfallen. Der schlafende Träumer wird von Schemen und Fantasien bewegt, wird beglückt und entsetzt und geängstigt - solange er ein schlafender Träumer bleibt, innerhalb des Traumes ein von dem Traum Abhängiger, durch die Zufälligkeit des Traumes Herumgeworfener bleibt, der nur auf dem Weg der Beendigung des Traumes, der Auflösung des Traumes, also auf dem Wege zur Erwachung wieder zur Realität kommen kann.

Es ist wichtig, dass wir versuchen, diesen Blick, mit welchem die Erwachten uns betrachten, auf uns selbst anzuwenden. Er bedeutet, dass das, was wir unser Leben und Erleben und Erfahren mit Glück und Leid nennen, dass wir für die Wirklichkeit halten - eben ein Traum ist, ein Fiebertraum ist, Fantasie ist, Schemen ist, dass die Vielfalt der Erlebnisse samt der Wahrnehmung, dass wir einmal geboren waren, und der Wahrnehmung, dass wir einmal sterben werden, und der Wahrnehmung, dass wir über den Tod nicht hinaus blicken können - eben nur Fiebertraum ist, Krankheit ist, Schemen ist, dass dies nicht das wahre Leben ist. Und zugleich bedeutet er, dass das eigentliche wahre Leben, nämlich das, was durch die Erwachung erfahren wird, uns noch völlig unbekannt ist. Dieses erst nennen die Erwachten das Heil, die Vollkommenheit, die Todlosigkeit, Unsterblichkeit, das höchste Wohl, das durch nichts mehr zerstört und verstört werden kann. Und weil die Erwachten aus eigener Erfahrung wissen, wie unvergleichlich der Zustand der Erwachung gegenüber dem Zustand des Traumlebens ist, darum bemühen sie sich, den Menschen zu helfen, diese ihre große Täuschung über das Sein zu begreifen und von daher willens zu werden, diese Täuschung aufzuheben.

Wer diese Lehre als einen "Solipsismus" verstünde, d.h. als eine Lehre, nach welcher zwar alles das, was ich erlebe, nur Schein und Schemen sei, aber das "Ich" selbst bestehe und in Wirklichkeit sei, der hätte die Erwachten völlig falsch verstanden; denn sie sagen nicht zu dem Menschen: "Du schläfst und träumst, und alles, was du jetzt träumst, das ist nur ein Traumerlebnis", sondern sie sagen, dass auch das Ich, das oberflächlicher weise als der Träumer aufgefasst wird, in Wirklichkeit ebenfalls geträumt sei. Sie sprechen also nicht von einem Träumer, der da an seinen Traum glaube, sondern von einem Traum, in welchem ein Ich geträumt wird und eine Umwelt geträumt wird und von Beziehungen zwischen dem geträumten Ich und der geträumten Umwelt geträumt wird und von den aus den geträumten Beziehungen hervorgehenden geträumten Freuden und Leiden.

Das heißt also, dass dasjenige, was wir jetzt für das Ich halten, nicht der Träumer ist, sondern das geträumte Ich ist, also ein Ich ist, das ebenso schemenhaft ist, Fantasie ist, wie ja auch in jedem Traum, den ein Mensch hat, ein Ich vorkommt. Zwar identifiziert sich der Mensch in der Regel mit dem im Traum vorkommenden Ich, aber meistens weiß er ja nach dem Aufwachen, dass dieses geträumte Ich teilweise andere Qualitäten hatte und sich darum im Wachzustand anders verhalten würde.

Der Name Buddha wird auch gern übersetzt mit "der Erleuchtete". Diese Übersetzung aber ist durch das Wort "Buddha" in keiner Weise begründet. Das Wort "Buddha" hat auch von seiner Wurzel her keinerlei Beziehung zu Licht und Leuchten und Erleuchten.

So wie der Erwachte, der Buddha, eben durch seine Erwachung zum wahren Wissen, zur Weisheit, zur Erkenntnis des Realen und Unrealen gekommen ist, so hat der Begriff Buddha auch diese zweite Bedeutung von Kenntnis und Weisheit, d.h. die Erkenntnis ganz anderer Dimensionen, transzendente Erkenntnisse, so wie der Schlafende Schlaf und Traum durchbrochen hat, zum Wachsein transzendiert ist und nun seinen Leib daliegen sieht, dessen Geist die erlebten Traumfantasien entwickelt hat.

In den Kulturräumen nun, in denen die Offenbarungsreligionen verbreitet sind, ein Gott als der Oberste und Höchste angesehen wird, gibt es die Möglichkeit eines Missverständnisses, indem jeder Durchbruch durch das normale menschliche Wissen zu größerem Wissen aufgefasst wird als eine "Erleuchtung" welche seitens des Gottes über den Menschen gebracht wird, mit anderen Worten: jede Art von Erleuchtung legt den Rückschluss auf einen Erleuchter nahe. Dieser Gedanke aber, dass der Buddha ein "Erleuchteter" sei, d.h. also einer, der von irgendeiner Instanz her, von einem Gott oder einem sonstigen Wesen oder einem "überweltlichen Licht" her erleuchtet worden sei, geht an der Wirklichkeit und an dem Selbst-Verständnis der Buddhas, der Erwachten, vorbei. Sie fassen sich vielmehr nicht als von irgendwoher erleuchtet auf, sondern ganz einfach als erwacht.

Den Zustand des Erwachtseins gibt es und den Zustand des Traumes gibt es, und es geht darum, von dem Zustand des Traumes zu dem Zustand der Erwachung zu kommen.

(von Paul Debes)