Wir alle suchen eine Zuflucht in diesem letztlich tief unsicherem Dasein. Wenn wir es genau betrachten, gehört das Zufluchtsuchen zu unseren Hauptbeschäftigungen.

Buddhist wird man, wenn man seine Zuflucht zum Buddha, zum Dhamma, zum Sangha nimmt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie der Buddha wohl als Mensch war, seine äußere Gestalt, seine Gesten, seine Sprache.
Wichtiger als Äußerlichkeiten ist für das Zufluchtnehmen aber eines von den drei fundamentalen Wissensgebieten, die der Buddha mit seiner Erleuchtung erlangt hat. Hier meine ich das vollkommene Wissen um die Wege der Menschen. Der Buddha konnte das Karma eines jeden Menschen vollkommen durchschauen. Er wusste von jedem Menschen, wie und wieso er diese körperliche Erscheinung hatte, wie er gerade an diese Wirkensstätte gekommen war, warum er in Gedanken, Worten und Werken so handelt, welchen Weg er infolgedessen in
der Zukunft gehen wird, wenn der Leib zerbricht.
Und er stand jedem Wesen mit Wohlwollen gegenüber.

Wenn ich mir eine Begegnung mit dem Buddha vorstelle, dann kann ich genau so sein, wie ich bin, er wird mich nicht kritisieren oder mich ändern wollen. Ich brauche mich nicht zu verstellen oder ein besserer Mensch, ein anderer Mensch sein oder werden wollen. Der Buddha kennt genau die Bedingungen, warum ich so bin, wie ich bin und gar nicht anders sein kann. Ob ich nun ein tausendfacher Mörder oder ein fast Heiliger bin, ob ich arm oder reich bin, klug oder einfältig, schön oder hässlich, ich bin so, wie ich bin und ich kann und darf so sein.

Wenn ich in meinem Leben Leiden, Unzufriedenheit verspüre, kann ich den Buddha um Hilfe bitten, denn das ist sein Versprechen: Leiden vollkommen aufzulösen. Er hat in 45 Jahren Lehrtätigkeit vielen tausend Menschen Hilfe und Trost gewährt und durch seine Lehre (den Dhamma) und seine Schüler (den Sangha) gibt er diese Hilfe über die Jahrhunderte hinweg Zeit und Raum überbrückend bis zum heutigen Tag.

Ein Akt der Zufluchtnahme ist das feierliche Aussprechen der Zufluchtsformel, um dadurch vor der Welt zu bezeugen, dass man den Buddha fortan zu seinem Lehrer und Vorbild erwählt. Diese Zufluchtsformel ist für alle Buddhisten ohne Ausnahme bindend.

Diese Zufluchtsformel lautet:

Buddham saranam gaccami.
Dhammam saranam gaccami
Sangham saranam gaccami

Ich nehme meine Zuflucht zum Buddha.
Ich nehme meine Zuflucht zur Lehre.
Ich nehme meine Zuflucht zur Brüderschaft der Erlesenen.

Buddhist wird man durch freie Entschließung. Nicht durch Geburt, Rasse, Nationalität, nicht durch Weihe, Taufe oder sonst eine rechtsverbindliche Zeremonie, denn der Buddhismus besitzt weder die Gewalt einer Staatsreligion noch eine Hierarchie. Wer der Lehre des Buddha sich nachzuleben bemüht, ist ein Buddhist, mag er einer Buddhistengemeinde angehören oder nicht.

Der Buddha lässt in seinen gesamten Belehrungen erkennen, dass es für den Nachfolger nicht um Verzicht auf Freuden geht (wie im Westen unter dem Stichwort "lebensverneinend" oft angenommen wird), sondern nur um den Verzicht auf Schädliches und Übles. Darum sagt er, dass der Nachfolger

  1. die fünf Tugendregeln im rechten Sinne einhält,
  2. seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise erwirbt (dazu sagt der Erwachte ergänzend, dass der Nachfolger der Lehre fünf Arten des Handels nicht ausüben soll, nämlich Handel mit Waffen, Handel mit Lebewesen, Handel mit Fleisch, Handel mit Rauschmitteln, Handel mit Giften),
  3. mit seinem Besitz sich selber erfreut,
  4. seinen Nächsten, der Familie, den Verwandten, Freunden und Notleidenden mit seinem Besitz Freude bereitet.

Mit solchem Vorgehen kommt er auf den richtigen Weg. Und wenn ein solcher bei diesem Vorgehen öfter bedenkt, dass all diese Dinge hier zwar vorübergehend Freude bereiten, aber nicht von Dauer sind, dass es dagegen einen herrlichen Heilszustand gibt, der, wenn man ihn erlangt hat, nie mehr zerbrechen kann - wenn er so öfter bedenkt und danach sich richtet, dann ist er auf dem sicheren Weg.

Bei solchem freudigen Vorgehen kommt es irgendwann wie von selber, dass man sich endgültig zum Erwachten, zu seiner Lehre und zu der Gemeinschaft der Heilsgänger bekennt, sich dazu zählt als seine Zuflucht.

Die deutschstämmige buddhistische Nonne Ayya Khema beschreibt in ihrem Buch "Sei Dir selbst eine Insel" sehr schön, was durch die Zufluchtnahme geschieht:

"Die Zufluchtnahme zum Erleuchteten (Buddha), der Lehre (Dhamma) und der Gemeinschaft der erleuchteten Schüler (Sangha) hat tiefe Bedeutung. Eine Zuflucht ist ein Schutzraum, ein sicherer Ort, und davon gibt es auf dieser Welt nur wenige. Ja, eigentlich ist es sogar unmöglich, im weltlichen Leben irgendwo ein vollkommen sicheres Refugium zu finden. Äußere, materielle Zufluchtsorte brennen nieder, fallen der Verwüstung anheim, verschwinden vom Erdboden. Bei Buddha-Dhamma-Sangha hingegen handelt es sich nicht um eine äußere, materielle Zuflucht. Sie sind eine spirituelle Zuflucht und deswegen können und sollten sie uns das Gefühl geben, dass wir schließlich doch noch einen Hafen gefunden haben, in dem der Sturm sich gelegt hat. Auf dem offenen Meer erschweren Sturm, Windböen und Wellen das Segeln. Erst wenn das Schiff den Hafen erreicht, sind die Wasser ruhig. Der Hafen ist eine Zuflucht. Dort sind alle Wellen und alle Stürme zur Ruhe gekommen. Wir können Anker werfen. Und das ist mit der Zuflucht zu Buddha-Dhamma-Sangha gemeint. Wer etwas anderes darunter versteht, hat vergebens Zuflucht genommen.

Zuflucht bedeutet, dass wir schließlich den Ort gefunden haben, an dem wir zur Ruhe kommen können, und zwar in einer Lehre, die uns nicht im geringsten darüber im Zweifel lässt, dass das Leiden ein Ende hat, dass alle Übel ein Ende haben, von denen die Menschheit befallen ist. Der große Lehrer hat den Dhamma, die Lehre, dargelegt, sein Sangha sie weitergegeben. So ist uns der Weg gewiesen. Sangha bezeichnet hier all jene, die über Buddhas Lehre Erleuchtung erlangt haben. Damit ist also nicht irgendwer gemeint, der irgendwelche Roben, irgendein besonderes Gewand trägt. Nur wer Glauben gefasst und der Wirkkraft des Dhammas vertrauen gelernt hat, begreift auch die Bedeutung der Zufluchtnahme, und zwar sogar dann, wenn er die Befreiung vom Leiden noch nicht an sich erfahren konnte. Wer diese Verheißung nicht unmittelbar erschauen kann, ihre Möglichkeit noch nicht erkannt hat, weiß eigentlich nicht, was er tut, wenn er Zuflucht nimmt.

Wir müssen für vieles dankbar sein. Unser eigenes gutes Kamma hat uns die Möglichkeit gegeben, hier zu sein. Das ist aber kein Grund, uns anerkennend auf die Schultern zu klopfen, denn wir wissen ja nicht einmal, ob wir dieses positive Kamma im jetzigen Leben geschaffen haben. Es mag viele Leben zurückliegen. Der- oder diejenige, die dieses Kamma angesammelt haben, sind mit Sicherheit nicht identisch mit dem, der jetzt die positiven Ergebnisse davon erntet. Allerdings sind es auch nicht zwei ganz voneinander gesonderte Wesen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: in der Mitte. So hat der Buddha es gesagt. Aber wir können immerhin dem Kamma dankbar sein, den nicht an irgendeinen Wesenskern gebundenen Ergebnissen positiver Handlungen. Und wir können unser Herz der Zuflucht öffnen, die wir genommen haben. Wir können uns dem Refugium anvertrauen, in dem wir in Ruhe vor Anker liegen und in geschützter Umgebung mit uns und an uns arbeiten können.

Der Dhamma beschützt jeden, der den Dhamma praktiziert. Wer den Dhamma wirklich übt, genießt vollkommenen Schutz. Der Schutz besteht nicht darin, dass andere uns nicht länger zu nahe kommen. Unser eigenes Verhalten, unsere Reaktionen sind unser Schutz, weil sie keinen Schaden mehr anrichten. Eine andere Sicherheit gibt es nicht."