Auch eine Statue lebt....

 

 

Während meiner eigenen Beschäftigung mit einigen Versen des Dhammapada dämmerte es mir, dass ein  Studium der Pali-Sprache von großer Wichtigkeit zum Verständnis der Lehre des Buddha ist.

 

Das Dhammapada (Pfad der Wahrheit oder einfacher Sprüche zur Buddhalehre in Versen) war der erste Pali-Text, der in Europa veröffentlicht wurde: im Jahre 1855 gab ihn Faustböll, der verdienstvolle Bahnbrecher des Pali-Studiums, in Kopenhagen mit lateinischer Übersetzung heraus.

Einer der ersten europäischen Pioniere auf dem Gebiet der Pali-Forschung war auch T.W. Rhys-Davids (1843-1922). Er war Verwaltungsbeamter in Sri Lanka und verbrachte seine freie Zeit damit, Pali zu lernen. Was er entdeckte, erstaunte ihn so sehr, dass er 1881 die Pali Text Society gründete, mit der Absicht, den gesamten Kanon der Pali-Schriften ins Englische übersetzen zu lassen.

Der Erstübersetzer der Reden der Mittleren Sammlung und der Längeren Sammlung des Buddha ins Deutsche war Karl Eugen Neumann (1865-1915). Seine Übersetzungsarbeit ist bis heute unerreicht und sein Wortlaut und Stil kommt dem originalen Wortfluss des Pali am nächsten. Der ehrw. Nyanatiloka Mahathera (1878-1957) gab als erster ein Buddhistisches Wörterbuch heraus und übersetzte u.a. die Angereihte Sammlung komplett ins Deutsche. Auch Paul Dahlke übersetzte viele Reden der mittleren und längeren Sammlung ins Deutsche.

Wichtig erscheint mir, die Bedeutung der Pali-Worte selbst zu kennen und ihre Bedeutung zu erfassen, um sie für sich selbst auslegen zu können.

Je nach eigener Praxistiefe und eigenem Wissensstand können sich verschiedene Bedeutungen erschließen. Man ahnt dann, was der Buddha mit dem „Wunder der Belehrung“ gemeint hat.

Geschichtliches

Die Sprache, die beim ersten Konzil (Weil bei der Rezitation, bzw. dem Hersagen der Texte fünfhundert Mönche zugegen waren - keiner mehr und keiner weniger - wird dieses Konzil das Konzil der Fünfhundert genannt) nach dem Tode des Buddha verwendet wurde, um das Buddhawort zu kanonisieren, war Pali. Es ist eine gehobene Form des Magadhi, benannt nach dem Landstrich. Mundartliche Formen wurden gemieden und das Vokalubar durch Ausdrücke aus verwandten Sprachen Indiens angereichert. Das Pali war eine Verkehrssprache, die nur der Gebildete sprach, die aber auch der einfache Mann verstand. Der Buddha ordnete an, das Buddhawort in seiner (Pali)-Sprache zu lehren und lehnte das Ansinnen zweier Brahmanen ab, den Dhamma in Sanskrit und in Verse zu fassen.

Hundert Jahre nach dem ersten Konzil unterzog ein zweites Konzil den Urkanon einer Revision. Auf dem ersten Konzil, wenige Wochen nach dem Hinscheiden des Erwachten, hatten die 500 ausnahmslos heiligen Teilnehmer die Lehre in ihrer Tiefe, Fülle und Weite in einer solchen Klarheit festgestellt, dass noch nach 100 Jahren beim zweiten Konzil über ihren Wortlaut niemand irgendeinen Klärungsbedarf anzumelden hatte. Es waren nur Fragen der Ordensregeln klärungsbedürftig geworden, und auch das waren nur zehn.

Ein drittes Konzil fand unter dem Patronat des großen indischen buddhistischen Kaisers Asoka im Jahr 253 v. Chr. statt. In neunmonatiger Arbeit revidierte das Konzil den theravadischen Kanon aufs Neue und fügte den beiden Sammlungen Vinaya und Sutta ein scholastisches Werk an, die dritte Sammlung, den Abidhamma.

Der erfolgreichen Missionstätigkeit Asokas ist es zu danken, dass uns der Pali-Kanon bewahrt geblieben ist. Asoka war es, der durch seinen Sohn Mahinda die Insel Ceylon (Lanka) zum Buddhismus bekehrte und damit dem Dhamma eine Heimat schuf, die alle historischen Krisen überdauerte. In den Klöstern der Insel wurde der Kanon in der Pali-Sprache im Gedächtnis bewahrt, bis die Mönche ihn im 1. Jahrhundert v. Chr. auf den getrockneten Blättern der Talipot-Palme niederschrieben.

Als Deutsche haben wir das unschätzbare Glück, hervorragende Übersetzungen zu besitzen. Fast der gesamte Pali-Kanon ist in deutscher Übersetzung erhältlich.

Es besteht auch an einigen deutschen Universitäten die Möglichkeit, Pali zu studieren - und ein Nichtstudent könnte das sogar als Gasthörer nutzen. Auch an manchen Volkshochschulen und sonstigen Einrichtungen gibt es gelegentlich Pali - Kurse.

 

Ein Beispiel aus dem Dhammapada: Vers 80.

(plus Interpretation)

 

 Pali:

Udakam hi nayanti nettika

Usukara namayanti tejanam

Darum namayanti taccaka

Attanam damayanti pandita.

  

Deutsch von Karl Eugen Neumann:

 Kanäle schlichten Bauern durch das Feld,

Die Bogner schlichten spitze Pfeile zu,

Die Zimmrer schlichten schlanke Balken ab,

Sich selber, wahrlich, machen Weise schlicht.

 

Deutsch von Nyanatiloka Mahathera:

 Die Wasserleiter leiten Wasser,

Die Bogner schlichten ihren Pfeil,

Die Zimmerleute schlichten Holz,

Die Weisen bändigen ihr Selbst.

 

Deutsch von M.B. Schiekel:

 Der Bauer leitet Wasser auf sein Feld,

Der Pfeilmacher schnitzt seine Pfeile,

Der Zimmermann bearbeitet sein Holz,

Und der Weise bezähmt seinen Geist.

 

Deutsch von Kurt Schmidt:

 Das Wasser nämlich führen die Brunnenbauer,

Die Pfeilschmiede biegen den Pfeil,

Holz biegen die Zimmerleute,

Sich selbst zähmen die Weisen.

 

Beim Lesen der Übersetzung von Kurt Schmidt aus seinem leider vergriffenen Anfänger-Lehrgang Pali - Buddhas Sprache wurde mir die Bedeutung, auch für die buddhistische Praxis des Geistestrainings und der Meditation, erst richtig klar. Die Metaphern wurden deutlich.

Schmidt gibt den Sinngehalt wieder und weist auf das Wortspiel: nayanti, namayanti, damayanti! hin.

Meine Meinung: Zunächst führt man den Geist (wie die Brunnenbauer das Wasser an den rechten Ort führen) zur rechten Anschauung durch Hören, bzw. Lesen der Lehre des Buddha. Dann biegt man (im Sinne von hinneigen) den Geist (hierzu ist eine leichte Anstrengung vonnöten) immer wieder zur Lehre durch Wiederholung und neu bedenken. 

Die Zimmerleute biegen das Holz, sie verarbeiten es, machen es gerade oder gebogen. Es ist ein wenig mehr als das, was die Pfeilschmiede machen. Der Geist wird geschmeidig, kann in gewünschte Richtung gebogen, die Praxis, der Stromeintritt (Pali: sotapanno) zur Entstehung gebracht werden. Der Weise (Pali: pandita), der zähmt sich Selbst, seine Psyche (Pali: cittam) ebenso und noch weiter bis zum höchsten Ziel.

Führen: Zur Lehre hinführen.

Biegen I: Zur Lehre geneigt, sie bedenkend, meditierend.

Biegen II: Danach in die Richtung eigene Praxis, Erkenntnis ausrichtend.

Zähmen: Von der Blendung entfernen. Zum Nibbana, dem höchsten Glück hin.

 

Einige Literaturhinweise:

Buddhistisches Wörterbuch, von Nyanatiloka.

Pali-Deutsch Wörterbuch, von Klaus Mylius.

Kleines Lesebuch zur Palisprache, von H. Hecker.

Pali-Buddhas Sprache, von Kurt Schmidt.

Pali. Eine Einführung in die Sprache des Buddha, von Heinz Reißmüller.

70 Schlüsselbegriffe des Pali-Buddhismus, von Hans Wolfgang Schumann.