Das gebräuliche Wort "Karma" (Pali: Kamma) bedeutet: Die Gestaltung unserer nachfolgenden Existenzform durch unser Denken, Reden und Handeln, eben unser Wirken. Viele Folgen sind unserem Blick verborgen, doch viele Folgen können wir auch schon in diesem Leben betrachten.

 

Die sechs Folgen des Wirkens sind sechs verschiedenartige Auswirkungen, die aus unserem Tun und Lassen in Gedanken, Worten und Taten hervorgehen und innerhalb der Existenz, also an uns selbst und der Umwelt, zu sechs verschiedenen Wandlungen und Veränderungen führen. Dieser gesetzmäßige Zusammenhang ist mit dem Sanskritwort "Karma" gemeint. Es bedeutet Wirken und auch die aus dem Wirken hervorgehende Wirkung. Die zeitliche Reihenfolge der sechs Folgen ist weder eine zeitliche - eine solche ist nicht eindeutig - noch eine nach der Tragweite - die Tragweite ist letztlich unendlich - es handelt sich hier vielmehr um sechs verschiedene Bahnen von Ausflüssen und Einflüssen, also Wechselwirkungen, die von unserem Tun und Lassen ausgehen. Im Folgenden werden sie kurz aufgeführt:

Die erste Folge eines jeden Wirkens ist die Reaktion im Denken und Fühlen des Handelnden selber auf sein Tun und Lassen in Gedanken, Worten und Taten. Soweit sein Wirken seinen Anschauungen entspricht, löst es bei ihm eine positive geistige Beurteilung aus; soweit es seinen Anschauungen zuwiderläuft, wird es negativ beurteilt. Soweit der betreffende Akt den Tendenzen des Handelnden entspricht, kommt ein angenehmes Gefühl zustande, soweit er den Tendenzen widerspricht, ein unangenehmes Gefühl. Soweit das betreffende Wirken der einen Tendenz des Handelnden entspricht, einer anderen aber zugleich entgegengesetzt ist, so weit löst es auch unterschiedliche und widersprechende, eben gemischte Gefühle aus. Hat der Handelnde uneinheitliche, einander widersprechende Anschauungen, so löst die Tat auch entsprechend widerstrebende geistige Beurteilungen aus. Wenn eine Tat wohl den Tendenzen, aber nicht den Anschauungen des Handelnden entspricht, dann löst sie bei dem Handelnden in dem Maße, wie sie den Tendenzen entspricht, ein Wohlgefühl und zugleich in dem geistigen Maße, als sie der Anschauung widerspricht, eine negarive Beurteilung aus. (Paulus: "... aber das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich!") Entsprechend ist die umgekehrte Wirkung.

Die zweite Folge, die von derselben Tat ausgeht, liegt in der unmittelbaren Wirkung auf die von der Tat direkt Betroffenen, Behandelten sowie auf etwaige indirekt Betroffene und Zeugen und in deren unlöslich daran gebundener, ebenfalls unmittelbaren Reaktion auf den Täter. Eine jede Tat tut den Betroffenen mehr oder weniger wohl oder wehe, d.h. sie erlangen durch sie mehr oder weniger, was sie verlangen, oder die Tat verhindert das Erlangen dessen, was sie verlangen, oder bringt ihnen gar das Gegenteil. Dadurch werden die Betroffenen zwangsläufig mehr oder weniger erfreut und dankbar oder enttäuscht, traurig oder zornig, und zwar in erster Linie dem Täter gegenüber.

Die dritte Folge, die von derselben Tat des Handelnden ausgeht, liegt in der Beeinflussung der Behandelten, der indirekt Betroffenen und der Zeugen der Tat. Der Nächste ist durch die an ihm geschehenen Tat nicht nur im Augenblick über den Täter erfreut oder erzürnt, sondern er nimmt auch zur Kenntnis, dass man, wie ja der Täter mit seiner Tat bewies, in so und so gearteten Fällen so und so handeln kann. Das Erlebnis des mit dieser Tat gegebenen Vorbildes ist einer der Mosaiksteine, die als "Umwelteinfluss", als "gesellschaftliche Gegebenheit" mit beiträgt zu der Meinungsbildung und Persönlichkeitsbildung des Nächsten und aller derer, die Zeugen dieser Tat waren. Sie alle gewinnen durch dieses Vorbild notwendig ein etwas verändertes Urteil über das, was "man" tut und lässt, und aus diesem veränderten Urteil handeln sie auch in Zukunft verändert, und so kommt die von dem Täter ausgegangene Tat durch eine Art Schneeballsystem auf nächsten bis weitesten Umwegen vielfältig wieder an den Täter zurück.

Die vierte Folgem die von derselben Tat auf den Täter ausgeht, liegt in der unmittelbaren Auswirkung auf die vegetativen Vorgänge und damit auf die Gesundheit und das leibliche Wohlbefinden des Täters selbst. Die Auswirkung geschieht in der Weise, dass der vegetative Impuls durch ein jedes wohlwollendes, gewährendes, ertragendes Wirken in Gedanken, Worten und Taten mehr gekräftigt und mehr harmonisiert wird, dagegen durch jede aus verweigernder oder entreissender Gesinnung hervorgehende Tat mehr abgeschwächt oder verzerrt wird. So wirken sich die Taten auf die leibliche Gesundheit des Täters aus.

Die fünfte Folge, die von derselben Tat ausgeht, liegt wieder in einer unmittelbaren Wirkung auf den Handelnden selbst. Jede Tat, die ein Mensch aus eigener Überlegung und aus eigenem Entschluss, also mit innerer Beteiligung, vollbringt, ist zugleich eine positive Bewertung dieser Tat und des mit ihr angestrebten Zieles. Und das ist zugleich eine Verstärkung seiner dahin gerichteten Tendenzen, so dass die Tat in Zukunft um so leichter wiederholt wird. Durch diese Vermehrung und Intensivierung dieser Tat müssen in Zukunft auch die zweite, dritte und vierte Folge immer mehr zunehmen. Diese Entwicklung ist schlechthin endlos: Durch jede gewährende oder ertragende Tat nimmt der Mensch in seiner guten Kraft und Neigung zu, was dann auch zur Zunahme der zweiten, dritten und vierten Folge führt, und ebenso umgekehrt bei verweigernder oder entreissender Tat. Dies fünfte Folge ist also von besonderer Bedeutung.

Die sechste Folge, die von jeder Tat auf den Täter selbst ausgeht, betrifft die Entwicklung nach Beendigung des gegenwärtigen Lebens und die daraus folgende nächste Existenz, entweder wiederum im menschlichen, oder untermenschlichen oder übermenschlichen Bereichen. Siehe hierzu auch das Kapitel "Wiedergeburt".

Doch sind die Aussagen über das Karmagesetz nicht so zu verstehen, dass der Täter alles Wohl oder Wehe genau so wie es ausgeschickt wurde, wieder erfährt. Der Erwachte gibt das Gleichnis vom Wasser und dem Klumpen Salz. Er vergleicht all unser übles Wirken mit dem Herstellen von Salz und das Gute mit dem Erzeugen von Wasser und sagt: Wenn ein Mensch nur wenig Gutes, aber viel Übles gewirkt hat, dann ist das so, wie wenn er einen Krug gutes Trinkwasser mit einem ganzen Klumpen Salz darin geschaffen hätte. Dann ist das Wasser nicht genießbar. Ebenso erlebt einer auf Grund vorwiegend übler und nur wenig guter Taten auch viel Leiden und Schmerzen. Wenn aber derselbe Mensch dann beginnt, nur noch Gutes zu wirken, dann werden dadurch zwar frühere üble Taten natürlich nicht ungetan, aber dann ist das so, wie wenn er nun sehr viel süßes Trinkwasser schaffe. Derselbe Klumpen Salz, der einen Krug Wasser ungenießbar macht, wird in einem großen See mit klarem Trinkwasser so verdünnt, dass man ihn nicht mehr schmeckt.

Je mehr wir unsere gesamte Herzensbeschaffenheit und damit unsere Taten zu verbessern beginnen, um so weniger wird das Salz unserer üblen Taten fühlbar:

"Wer einst begangnes übles Werk

mit bess´rem Wirken ganz durchsetzt,

dem lichtet sich die Finsternis,

wie wenn der Mond durch Wolken bricht."

(Dhammapada 173)

 

Quelle: Paul Debes, Meisterung der Existenz durch die Lehre des Buddha.